Natürliches und nachhaltiges Lernen unterstützen – ohne zu bestimmen!

Es ist so wunderbar, wenn dein Kind auf dich zukommt und etwas wissen möchte. Vor allem dann, wenn man selbst großes Interesse am Thema hat. Natürlich springen wir auf den Zug auf und teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen mit unseren Kindern – und das mit dem größten Vergnügen. Die meisten von uns wollten sich in der Schule wohl eher nicht vor die ganze Klasse stellen um einen Vortrag zu halten, doch umso großartiger war das Gefühl wenn alle gespannt zugehört und wirkliches Interesse an deinem Thema gezeigt haben. Dieses Wissen zu vermitteln macht plötzlich soviel mehr Spass da man regelrecht spüren kann wie es, in diesem Fall von unseren Kindern, regelrecht aufgesaugt wird. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn dir ein Kind an den Lippen hängt und kaum erwarten kann, was als Nächstes kommt. Ein wenig Selbstbestätigung und Stolz erfüllt uns, sodass wir gar nicht mehr aufhören wollen.

Was dabei manchmal stört, ist unser Verhalten als Erwachsene. Natürlich wollen wir nur das Beste und wollen helfen wo wir können, doch genau das kann auch nach hinten losgehen. Wenn ein Kind mit einer spezifischen Frage auf uns zukommt, oder an einem Projekt arbeitet, schießen wir gerne über das Ziel hinaus. Was ich damit meine ist, dass wir einfach weitermachen und mehrere Lösungen vorschlagen ohne darauf zu achten, ob das überhaupt gefragt war. Das kann für ein Kind unglaublich demotivierend sein, sowie zu Frustration und Ärger führen, was keine guten Voraussetzungen für den Lernerfolg sind.

Bei allem, was man dem Kind beibringt, hindert man es daran, es selbst zu entdecken.

Jean Piaget

Obiges Zitat verdeutlicht das ziemlich gut. Indem wir mehr Hilfestellung geben als nötig, hindern wir unsere Kinder daran, die Dinge selbst zu entdecken. Wenn wir etwas selbst in die Hand nehmen, uns autodidaktisch Fähigkeiten aneignen oder etwas eigenständig gelesen haben – aus intrinsischer Motivation heraus – nimmt unser Gehirn die neuen Informationen viel besser auf, als wenn uns jemand alles in den Mund oder in die Hand legt. Natürlich lernen wir auch durch Wiederholung, doch wie viel Sinn das macht, ist umstritten. Das sogenannte Bulimielernen, also möglichst viele Informationen in kurzer Zeit aufnehmen, um sie dann zu einem naheliegenden Zeitpunkt wieder auszuspucken, ist in keinerlei Hinsicht positiv und das Gelernte bleibt nicht besonders lange im Kopf.

natürliches lernen

So wie wir laufen, essen oder sprechen automatisch aus eignem Interesse heraus lernen, funktioniert es auch mit allen anderen Themen und Bereichen des Lebens. Kinder wollen lernen und ein Teil der Gesellschaft sein. Kein Kind möchte zurückbleiben, sie wollen aktiv am Leben teilhaben und sind mehr als motiviert, einiges dafür zu tun.

Wir sind so sehr an das Bild eines Lehrers gewöhnt, sodass uns oft nicht in den Sinn kommt, dass ein Kind auch aus eigener Motivation heraus lernt – ganz ohne Lehrer bzw. Erwachsene. Wir gehen davon aus, wir müssen Kinder dazu anhalten zu lernen und denken nicht daran, dass es auch andere, einfachere Wege gibt. Nicht alle Informationen können von einer Person zur nächsten weitergegeben werden, manches muss man selbst erfahren. Kennt ihr nicht auch das wunderbare Gefühl, wenn ihr etwas selbst geschafft oder auf die Beine gestellt habt? Vielleicht hat es viel Kraft, Nerven und Konzentration gekostet, doch ihr habt es alleine gemacht. Wie würdet ihr reagieren, wenn euch jemand bei einem solchen Schaffen unterbricht und euch zeigen möchte, wie es einfacher geht oder euch sogar komplett das Ruder aus der Hand nimmt? Das wäre frustrierend oder?

Wenn wir also versuchen einem Kind zu helfen, erwarten wir eine gewisse Reaktion. Allein unsere Erwartungshaltung ist dabei fehl am Platz, denn ein Kind ist ebenso ein eigenständiges Wesen wie die Erwachsenen auch. Wir können nicht erwarten, dass das Kind reagiert, wie wir es uns wünschen und sind dann leicht irritiert, wenn unser Hilfsangebot welches über das Gefragte hinaus geht, ausgeschlagen wird. Sätze wie: “Ich wollte dir nur helfen!”, oder “Dann mach es doch alleine” rutschen uns dann aus dem Mund und wir sind manchmal sogar beleidigt. Dass es dabei aber nicht um uns und unsere Gefühle diesbezüglich geht, sondern um das Gefühl und den Lernerfolg des Kindes, vergessen wir gerne.

natürliches lernen

Niemals würden wir einem Erwachsenen etwas aus der Hand nehmen und ihm die Aufgabe abnehmen, weil wir meinen er könne etwas von uns lernen, was er noch nicht weiß. Wir erwarten voneinander, dass wir uns mit gegenseitigem Respekt behandeln, lassen unsere Kinder aber außen vor. Natürlich haben wir nur gute Absichten, wenn wir unsere Kinder beim Lernen unterstützen wollen, doch wenn diese nicht mehr gefragt ist, sollten wir uns zurückziehen. Andernfalls müssen wir mit dementsprechenden Reaktionen rechnen und dürfen uns nicht wundern, wenn unser Angebot auch einmal weniger freundlich ausgeschlagen wird. Das ist aber keinesfalls ein Grund dem Kind Schuldgefühle zuzuschieben, weil man sich selbst gekränkt fühlt, das müssen wir unbedingt im Kopf behalten.

Die Möglichkeiten natürliches Lernen zu fördern

Wenn wir unseren Kindern erfolgreiches, intrinsisches und selbstbestimmtes Lernen ermöglichen wollen, müssen wir ihnen unbedingt genau zuhören, wenn sie unsere Hilfe einmal benötigen. Wir müssen sie Fehler machen lassen, etwas noch einmal versuchen lassen, ohne dabei zu unterbrechen. Nur so funktioniert nachhaltiges Lernen. Indem wir uns selbst helfen mit den uns gegebenen Möglichkeiten. Wir müssen unsere Kinder einfach machen lassen, auch wenn wir eine vermeidlich einfachere Lösung sehen. Sicher ist es schön, Experte in etwas zu sein, einem Kind etwas beizubringen, doch wir sollten unser eigenes Ego hier nicht in den Vordergrund stellen und uns fragen, was an dieser Stelle wichtiger ist.

Nur die Fragen beantworten, die auch gefragt wurden, ist ein wichtiger Aspekt, ebenso wie das Abwarten. Ja, manchmal greifen wir ein, ohne überhaupt gefragt worden zu sein, was zu jeder Menge Frustration und Desinteresse führt. Dasselbe gilt für jede Situation, in der etwas physisches geschaffen wird. Nur die Handlungen ausführen, bei welchen Hilfe benötigt wird und keinesfalls das ganze Projekt übernehmen. Dabei ist es auch wichtig, nicht persönlich zu werden, wenn die Hilfe nicht angenommen wird. Im Grunde ist genau das ein gutes Zeichen! Das bedeutet, das Kind weiß schon ziemlich genau, worauf alles hinauslaufen soll und ist dabei so selbstsicher, dass es sich imstande fühlt, alles alleine zu schaffen. Jackpot! Genau das wollen wir schließlich. Ein kompetentes Kind, das nicht so schnell aufgibt und eine gute Portion Selbstbewusstsein hat.

Etwas womit man einem Kind sehr viel Hilfestellung geben kann, ist einfach nur da sein. Da sein und auf all die Fragen gewappnet sein bedeutet einem Kind sehr viel und fördert den Lernerfolg ungemein, auch wenn wir dabei an sich nichts aktiv tun. Dabei können Sätze wie: “Wow, ich sehe wie viel Arbeit du hier reinsteckst” motivierend sein, ohne dabei zu bewerten oder zu unterbrechen.

Auch eine Möglichkeit natürliches Lernen zu fördern ist die Kinder zu fragen was sie denken, anstatt ihnen eine direkte Antwort zu geben. Eventuell haben sie schon ihre eigenen Gedanken zum Thema und wissen nur nicht genau, wie sie diese sortieren sollen. Da können gezielte Fragen ohne Antworten zu geben mehr helfen als alles andere und sie finden vielleicht sogar etwas Neues für sich selbst heraus. Im Zuge dessen könnte auch die Frage fallen, wo man mehr über das Thema herausfinden kann, um den Kindern das Lernen wieder in die eigenen Hände zurückzugeben. So behalten die Kinder die Kontrolle über ihre eigenen Lernfortschritte und sind eher motiviert, in dieser Richtung weiter zu forschen.

Alles in allem wollen wir unsere Kinder zu eigenständigem Lernen ermutigen, sie selbst die Welt entdecken lassen, sie dazu inspirieren ihre eigenen Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Der Gedanke ist, die Kinder selbst übernehmen zu lassen, sodass keine Lernunlust entstehen kann. Sie sollen stolz auf sich selbst und ihr Schaffen sein können, sowie Lust und Spaß am Lernen haben. Nur so funktioniert nachhaltiges Lernen, denn für ein Kind ist es das Natürlichste auf der Welt. Kinder sind keine leeren Fässer. Sie tragen bereits alles in sich, wir müssen ihnen nur zur Seite stehen und da sein, wenn wir gebraucht werden.

Lehnt euch zurück, beobachtet eure Kinder und ihr werdet erstaunt sein, wozu sie imstande sind. Seid da, wenn sie euch brauchen und gebt Hilfestellung, wo es tatsächlich nötig ist. Wartet darauf, bis eure Kinder auf euch zukommen und inspiriert sie zu eigenständigem Denken. So schaffen wir einen Raum für unsere Kinder, in welchem sie ungehemmt mit Spaß und Begeisterung lernen können.

Alles Liebe wünscht euch Nadine

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